Günter Grass hat größtenteils recht und selbstverständlich er ist kein Antisemit. Und wenn er einer wäre, dann wäre es sicherlich nicht sein aktuelles literarisches Unterfangen, welches ihn als solchen entlarven würde. Vielmehr zeigt der bizarre Krampf der deutschen Presse wie erschreckend effektiv die israelische Maschinerie damit war, eine allgemeine Akzeptanz für die politisch perverse Verschmelzung von Judentum und Zionismus zu erzwingen. Aber nicht jeder, der etwas Jüdisches ablehnt, verachtet alles Jüdische und – normalerweise unnötig zu sagen, jedoch nicht zu dieser Stunde: Nicht jede Verachtung von etwas Jüdischem ist irrational, mörderisch, ungerechtfertigt oder böse.
Das Gedicht von Grass mit selbstzufriedener Empörung zu einem Ausdruck von Antisemitismus zu erklären, bedeutet, eben diesen zu banalisieren. Und während solche Dinge eigentlich von der israelischen Maschinerie zu erwarten wären, welche sechzig Jahre lang versucht hat, die Welt davon zu überzeugen, dass jeder Kritiker der der Staatspolitik augenblicklich zu einem Nazi wird, ist dies von der deutschen Presse, die es besser wissen sollte, unverzeihlich. Hysterischer Philosemitismus ist ebenso gefährlich wie hysterischer Antisemitismus – beide richten sich an einem fiktionalen Judentum aus.
Ich möchte diesen Punkt etwas verdeutlichen. Judaismus ist nicht auf den Zionismus reduzierbar und Juden wie ich selber fühlen sich der langen Tradition des aufgeklärten Progressivismus verpflichtet, der sich zuerst in genau diesem Land durchgesetzt hat und den Prinzipien von Vernunft, Gerechtigkeit, und Gleichheit folgt. Dies steht der Loyalität, die von einem Nationalstaat gefordert wird, gegebenenfalls antithetisch gegenüber – so auch im Falle Israels. Kein Jude, der sich über das soziale und historische Erbe des alten Judentums bewusst ist, kann ruhig dasitzen angesichts von Deir Yessin, Sabra und Shatila, der Operation Gegossenes Blei oder Netanyahus drohendem Abenteuer im Iran. Der Tod von Kindern, die Zerstörung von Eigentum und die Entwicklung eines Apartheid-Staates sind unentschuldbar. Und angesichts derartiger Ungerechtigkeit im Schweigen zu verharren, ist nicht bloß eine beunruhigende Lüge – wie Grass meint – sondern eine Komplizenschaft mit Unterdrückung und Ungerechtigkeit.
Solche Äußerungen haben mir eigenartige Kritik eingebracht: Zionisten nennen mich – wer hätte es gedacht – einen Antisemiten. In dieser schönen neuen Welt waren die einzigen Menschen, gegenüber denen ich mich je politisch rechtfertigen und für mein Judentum entschuldigen musste, Zionisten. Ich habe inzwischen verstanden, dass das Schweigen, das Grass nun abverlangt wird, und das auch oft von Juden wie mir gefordert worden ist, im Grunde eine Aufforderung ist, mich von den Prinzipien von Vernunft, Gerechtigkeit und Gleichheit abzuwenden, was eine Abwendung vom Judentum bedeutet. Und diesem Aufruf werde ich nicht Folge leisten, so wie es niemand mit einem politischen Bewusstsein und einem Minimum an Anstand tun sollte.
Schlicht und ergreifend: Grass hat recht. Er hat in vielerlei Hinsicht recht, vor allem aber hinsichtlich der Tatsache, dass unsere Stimmen sich gegenseitig finden müssen, um zu äußern, was jeder längst weiß, was aber von Gerüchten und vorschnellen Beschuldigungen des Antisemitismus verhüllt wurde. Nicht im Gewand des Neuartigen oder plötzlicher politischer Erleuchtung, sondern eher, um sich gegenseitig Mut zu machen, zu sprechen, wenn die israelische Maschinerie uns fest entschlossen als Kriminelle und Monster abtut, aus dem eigenen Land ausschließt uns beleidigt und beschimpft als die Erben Hitlers. Mit der Forderung an Israel, sich verantwortlich zu zeigen und Gerechtigkeit walten zu lassen, spricht Grass mit meiner Stimme, der Stimme eines Juden. Und falls die Worte von Grass tatsächlich etwas dazu beitragen, den vom Likud angestrebten Kriegsmarsch in den Iran zu verhindern, wird Grass mehr als ein Leben gerettet haben, was dem Talmud zufolge bedeutet, die ganze Welt zu retten.
Übersetzung: Felicitas Zeeden








